Sitzt der Putzfimmel auf dem X-Chromosom? #AufAugenhöhe

Ein Brief an die Frauen

Man muss erst mal auf die Idee kommen, die eigene Unlust am Putzen mit den Genen, Steinzeitmenschen und Mammuts zu erklären, so wie es ein Papa im Internet letztens tat. Nachdem ihm eine Mama widersprach, entbrannte eine Diskussion im Netz und die Murmelmama startete eine Blogparade unter dem Hashtag #aufAugenhöhe zum Thema. Ich hatte und habe ein schlechtes Gefühl etwas dazu zu schreiben, tue es aber nun doch, da dieser Papa nicht das erste Mal mit den Genen der Männer argumentiert und ich auch seine Schlussfolgerung nicht nachvollziehen kann.

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© Rainer Sturm / pixelio.de

Nun worum geht es genau? Papa-online schreibt einen offenen Brief an alle Frauen, dass sie sich nicht beschweren dürften, wenn der Mann mit dem Handy in der Hand gemütlich rumsitzt statt zu putzen. Sie seien nicht faul, sondern warteten auf eine klare  Anweisung ihrer Frau, weil sie den Schmutz einfach nicht sehen würden. „Wir haben bei vielen Dingen eine ganz andere Hemmschwelle als Frauen. Das muss genetisch sein.“

Zur Veranlagung

Er ist nicht der erste, der diese Vermutung hatte. Eva Herman meinte schon 2006 zu diesem Thema: „Männer leiden darunter, wenn sie zu immer mehr Aufgaben gedrängt werden, zu denen sie keine Lust und auch keine besondere Veranlagung haben“. „Aufgrund ihrer Veranlagung sind sie dafür auch nicht unbedingt vorgesehen.“ „Dann verunsichert man die Männer, sie fühlen sich nicht ernst genommen – das kann zu psychischen Problemen führen. Es gibt in Deutschland übrigens nur fünf bis sieben Prozent Hausmänner. Und in 98 % dieser Fälle gehen die Ehen kaputt.“
Na, da sind wir 2015 schon deutlich weiter. Heute wird nicht mehr argumentiert, dass der Mann wegen seiner Veranlagung nicht putzen könne. Heute sieht er nur den Schmutz nicht.

Wenn ich da so drüber nachdenke schaue ich vorsichtshalber noch einmal nach unten – ja doch, ich bin biologisch gesehen eine Frau. Auch die Tatsache, dass ich ein Kind bekommen habe, qualifiziert mich dafür. Aber komisch, irgendwas passt trotzdem nicht. Bei uns ist der Mann der Ordentlichere. Er schafft es sogar beim Kochen gleichzeitig aufzuräumen oder beim Sich-Umziehen gleich die Wäsche wegzuräumen. Fähigkeiten für die ich ihn wirklich beneide. Wie ist das nun mit dieser Theorie? Ist sie damit falsifiziert? Nein, lasst mich raten, solche Thesen lassen sich nicht falsifizieren, wir sind einfach eine Ausnahme. Die Gene sind schon so wie oben beschrieben, aber bei manchen Menschen wirken sie einfach nicht.

Wenn eine Abweichung einer Theorie nicht zur Falsifizierung dieser führt, sondern einfach eine Ausnahme darstellt, dann handelt es sich vielleicht gar nicht um eine Theorie, sondern lediglich um ein Vorurteil?

Ein gutes Beispiel dafür auch unser Nachtschlaf. Mein Mann hört das Kind immer viel früher nachts jammern als ich (Familienbett, ich liege neben dem Kind). Das Problem hatte schon der Mann meiner Tante, der nachts die weinenden Kinder holen musste, und bei meiner Schwester und ihrem festen Schlaf wird es sicher nicht anders laufen. Bisher erklärten uns die Leute das so: Früher mussten die Männer die Familie bewachen und wilde Tiere sofort hören, deshalb haben sie selbst im Schlaf so ein feines Gehör. Jetzt schreibt Papa-Online plötzlich: „Der Mann musste die, körperlich sehr anstrengende, Jagd betreiben um die Familie zu ernähren. Hierzu brauchte er all seine Kraft und musste entsprechend ausgeschlafen sein. Also hat der Mann eine, genetisch vorprogrammierte, höhere Hemmschwelle bei Babygeschrei in der Nacht – auch heute noch obwohl Säbelzahntiger und Mammut längst ausgestorben sind.“ Wie jetzt? Merkt ihr auch wie praktisch und flexibel die Steinzeit-Theorien sind?

Ich weiß jedenfalls wo meine unordentliche Art herkommt, mit der ich bei Männern immer wieder angeeckt bin. Sie kommt weniger davon, dass meine Urururur…großmutter mit den Männern auf Mammutjagt ging statt die Höhle zu putzen, sondern dass ich in einem chaotischen Vielkinder-Haushalt aufgewachsen bin. Ordnung konnte man dort vollkommen vergessen und für Sauberkeit hat unsere Putzhilfe gesorgt. Danach wurde ich in einer noch chaotischeren Siebener-WG sozialisiert. Mein Mann war entsetzt als er Unordnung und Schmutz sah, was ich einfach nicht bemerkte, da es mich weder interessierte und störte. Als ich mit ihm zusammenzog wurde ich gezwungenermaßen ordentlicher. So funktioniert das nämlich – man arbeitet an sich und seinen Schwächen um den anderen nicht auszunutzen.

Putzmuffel, und nun?

Ich wäre überhaupt nicht auf die Idee gekommen, meine Unordentlichkeit als gottgegeben darzustellen, mich zurückzulehnen und auf Aufträge zu warten. Zum Glück dachte mein Mann in der Elternzeit auch so. Denn wie Mama Notes im oben genannten Artikel schreibt: „Haushaltsmanagment … ist ein anstrengender Job, denn der muß die ganze Zeit im Hintergrund mitlaufen.“ Ja, ist er! Er ist verdammt anstrengend und kennt keinen Feierabend. Ich finde auch viel schwieriger als stupides Müllruntertragen oder Rasenmähen ist es, die Termine zu koordinieren, die Waschmaschine zur richtigen Zeit anzumachen, genug Essen im Haus zu haben, Geschenke für Geburtstage parat zu haben, Kleidung für die Kinder zu besorgen usw. Da bleibt nicht auch noch Hirn übrig um den Mann auf eine volle Spülmaschine hinzuweisen!
Ich verstehe, dass einer von beiden PartnerInnen aus organisatorischen Gründen die Fäden und den Terminkalender in der Hand hat. Ich habe aber kein Verständnis, wie jemand auf Anweisungen wartet und einen derart passiven Part einnehmen kann ohne rot zu werden. Wahrscheinlich erwartet Mann dann noch eine Belohnung, dass er so brav im Haushalt mithilft…

Hier noch ein Protipp für alle geplagten Menschen, die den vollen Mülleimer gerne sehen würden, es aber nicht schaffen: Versucht es mal mit Selbstcommitment. Ich ließ z.B. eine ganze Weile immer das Badlicht an und nervte meinen Mann damit gewaltig. Keine Ahnung warum, ich hatte die besten Vorsätze, schaffte es aber nicht das Licht beim Verlassen des Raumes auszumachen.  Auch ich dachte darüber nach, was mit meinem Hirn nicht stimmte. So kreativ, es auf fehlende Lichtschalter in der Höhle zu schieben, war ich dann aber doch nicht. Also nahm ich mir vor, jedes Mal einen Euro zu zahlen und nach zwei Tagen hatten wir das Problem im Griff ;) Geht doch, ist wirklich alles eine Frage des Wollens. Viel Erfolg!

Ein Gedanke zu “Sitzt der Putzfimmel auf dem X-Chromosom? #AufAugenhöhe

  1. Guten Abend!

    Ich liebe Hausputz, mache lieber die Toiletten als ein Hemd zu bügeln und sehe wahrlich eher als meine Frau, wenn irgendwo Putzpotenzial ist.

    Menschen sind verschieden. Das alleine aufs Geschlecht zu reduzieren, fiele mir nicht ein. Ich nehme gerne den Feudel in die Hand – und bin nachts wie in Eurem Falle der Erste, der das kranke Kind hört. Mag einfach daran liegen, dass meine Antennen in dieser Hinsicht empfindlicher ausgerichtet sind.

    Dir alles Gute!

    Best, Nic

    P.S. Wie kann ich deinen Blog abonnieren, Holde? Habe ich da etwas übersehen? Oder liegt es *duck* unter dem Sofa? :)

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